Reitkunst für

Islandpferde

"Gangpferde gerade richten" Wochenendkurs in March bei Freiburg (25.-26.11.2017)

Die Schiefe des Pferdes und damit das Geraderichten ist von Anfang an ein wichtiges Thema der Pferdeausbildung. Vor allem beim Gangpferd sind Taktfehler durch ungleich vorgreifende Hinterbeine auffällig. Dieses Phänomen wollten wir im Kurs analysieren und Trainingsansätze zur Korrektur entwickeln.

Im ersten Theorieteil ging es am Samstag um die verschiedenen Analysemöglichkeiten der Schiefe. Nicht einfach, denn in der Fachliteratur existieren sehr unterschiedliche Begriffe und Varianten. In der Vorbereitung kamen mir selbst noch einige neue Erkenntnisse, obwohl ich mich schon seit Jahren mit diesem Thema beschäftige. Als Vorbereitung für die Praxiseinheiten am Vormittag beschäftigten wir uns mit Entspannung, Stellung und Biegung - dem ersten Drittel des Ausbildungskreises von Reitkunst Südwest.

gjafar biegung

Die Gerte am Rumpf unterstützt Gjafar in der Biegung

tryggur trab

Tryggur beim Longieren im Trab 

Nach einem leckeren Mittagsessen ging es im zweiten Theorieteil um die Ursachen der Schiefe. Der Verdacht liegt nahe, dass die Schiefe nicht nur "natürlich" ist, sondern durch Haltung, Reiten und gesundheitliche Probleme verstärkt wird. Bei Pferden mit Trageerschöpfung wird dies besonders offensichtlich. Wobei mir der Begriff "Erschöpfung" nicht gefällt, da diese Schädigung durch gezieltes Training abgemildert oder sogar beseitigt werden kann.

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Sehr schiefes Pferd mit Trageerschöpfung und asymmetrischem Schultergürtel

Durch ihre lateralen Bewegungen, ihr häufig weiches Bindegewebe und die Ausbildung zum "Schenkelgänger" sind Gangpferde besonders anfällig für das Absinken des Rumpfes und damit auch für die Schiefe. Die getragene Dehnungshaltung bietet eine Möglichkeit, hier wirkungsvoll gegenzusteuern. Eigentlich steht sie im Ausbildungskreis erst vor der Versammlung, aber durch das zu frühe Reiten muss man sich häufig schon früher damit auseinandersetzen. Auch die Unterschiede zwischen getragener Dehnungshaltung und hohem Tempo mit tiefem Kopf und Hals wurden deutlich. 

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Katla hat eine hohe Aufrichtung und verspannt sich im Tölt und Trab schnell. Im Schritt gelingt das Lösen auch bei weniger tiefer Kopf-Hals-Position 

Am Sonntag waren die Seitengänge als effektivstes Werkzeug zum Geraderichten Thema. Auch der Nutzen für Gangpferde im Tölt wurde thematisiert. Häufig werden die Seitengänge als "Seitwärtsgänge" missgedeutet, die eher schaden als nützen. Diese wichtige Quelle von Fehlern und Missverständnissen fasst Gustav Steinbrecht treffend zusammen: 

„Ferner verstehe ich unter der geraden Richtung nicht seine völlig ungebogene Körperhaltung, sondern das Vorwärtsgerichtetsein seiner Vorhand auf diejenigen Linien, die es abgehen soll, dergestalt, dass es unter allen Umständen, selbst mit der stärksten Biegung seines Körpers und in den Lektionen auf zwei Hufschlägen, mit seinen Vorderfüßen den hinteren voranschreitet, welche wiederum den ersteren unbedingt folgen müssen, indem sie stets in der Richtung der Bewegung vor und niemals seitwärts dieser Richtung zu treten haben.“ 

Bent Branderup hat hierfür zwei tolle Praxistipps: Die Zehen der Hufe müssen dorthin zeigen, wo sich die Pferdenase befindet. Außerdem sollen die Hufe plan auffußen und nicht auf der Außenkante.

In den Praxiseinheiten wurde jeder dort abgeholt, wo er gerade mit seinem Pferd steht. Einige Fortgeschrittene wagten sich schon an die Seitengänge heran, aber auch Stellung und Biegung wurden nochmals intensiv geübt. Je nach Wunsch arbeiteten wir auch am Reitersitz. Mit zwei Pferden konnten wir im Tölt arbeiten, wobei die Tendenz zur Verspannung als besondere Schwierigkeit in dieser Gangart deutlich wurde. 

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Gjafar reagiert sehr fein auf den äußeren, wegbiegenden Schenkel

Es war ein spannendes, sehr informatives Kurswochenende, bei dem ich selbst bei der Vorbereitung viel gelernt habe.

Vielen Dank an Jelka und Katharina für die tolle Organisation!

(Text: Anja, Fotos: Katharina, Jelka)

 

Pferdepersönlichkeiten: Mit einem "Feuerpferd" bei Bent Branderup in Mannheim

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Glæðir und ich im Februar 2017 in Mannheim

Meinen letzten Kurs vom 11.-12. Februar 2017 in Mannheim möchte ich zum Anlass nehmen, euch einen Einblick in die Arbeit mit einem "Feuerpferd" zu geben. Vielleicht kennt der eine oder andere von euch das neue Video-Seminar "The Nature Code" von Eike und Marc Lubetzki: Die 5 Elemente nach der traditionellen chinesischen Medizin (Holz, Feuer, Erde, Metall, Wasser) werden hier auf Pferde übertragen. Durch die Berücksichigung des Charakters wird Verständnis für die Bedürfnisse des Pferdes geweckt. Dadurch können Haltung, Umgang und auch das Training harmonischer und feiner gestaltet werden. Das "Horsenality-Konzept" aus dem Natural Horsemanship geht in eine ähnliche Richtung, ist aber oberflächlicher. Hier wäre mein Pferd ein typischer "Left Brain Extrovert".

Der isländische Name meines Pferdes Glæðir bedeutet "Der Feurige", passend zur Farbe und zum Temperament :-). Der Züchter erkannte vielleicht intuitiv, dass dieses Element bei ihm extrem ausgeprägt ist. Ich kenne Glæðir, seit er vier Jahre alt ist, von der Jungpferdeweide bei uns hinterm Haus. Schon damals war er extrem kontaktfreudig und sehr neugierig. Gerade das hat mir so gut an ihm gefallen. Heute ist er 16 Jahre alt, spielt immer noch gerne, nervt und ärgert andere Pferde aber auch und kriegt daher häufiger mal "eins auf die Mütze". Das hält ihn aber nicht davon ab, bei der nächstbesten Gelegenheit wieder damit anzufangen. Auffallend war von Anfang an, dass er sehr maulorientiert ist, was den Umgang mit ihm anstrengend macht: Als Jungpferd hat er alles zerkaut, was er kriegen konnte. Knoten und Türen öffnen war kein Problem für ihn. Andere Pferde und Menschen schleckt er gerne ab und kann sehr zärtlich und anhänglich sein. Er knabbert und beißt aber auch. Wir hatten anfangs eine Phase, wo ich den Schwerpunkt auf Dominanztraining und Horsemanship legte und mein Pferd auch schlug. Der Erfolg bestand darin, dass Glæðir gar keine Lust mehr zum Arbeiten hatte. Das Beißen wurde zunehmend aggressiver und seinen ganzen Ehrgeiz verwendete er darauf, schneller als ich zu sein, was ihm häufig gelang. Eine echte Herausforderung, denn er ist mein erstes Pferd.

Durch seine langwierige Verletzungspause stand ich vor der Schwierigkeit, dieses Energiebündel im einjährigen "Boxenknast" irgendwie bei Laune zu halten. Da er sich nicht bewegen durfte, brachte ich ihm Zirkuslektionen im Stehen bei (Sachen aufheben und apportieren, Hütchen umschmeißen, später Fußball spielen). Das fand er absolut super. Unser "Erfolgsrezept" wurde überschwängliches Loben und auch das Klickern, obwohl konsequentes Futterlob bei solchen Pferden eine Herausforderung darstellt. Vor allem war das Klicker-Training eine gute Schule für mich, um positive Ansätze in den Vordergrund zu stellen.

Ich erkannte zunehmend, dass Glæðir leicht zu begeistern und sehr intelligent ist. Er lernt und reagiert extrem schnell, was sowohl Fluch als auch Segen sein kann. Spielerische Arbeit auf freiwilliger Basis liebt er - das ideale Pferd für Freiarbeit und Zirkuslektionen. Auch körperlich ist er hypermobil und bietet schnell zu viel an. Die genaue Dosierung der Hilfengebung ist schwierig und meistens mache ich viel zu viel.

Was hat das ganze jetzt mit unserem Kurs bei Bent zu tun? Allen, die uns dort gesehen haben, ist aufgefallen, dass Glæðir extrem zum Schlecken und Beißen neigte und ständig Kontakt suchte. Er wirkte sehr unruhig und es fiel ihm schwer, stehen zu bleiben, zu warten oder konzentriert zu arbeiten. Auf Kurssituationen reagiert er mit zunehmendem Alter leider sehr gestresst. Z. B. frisst und säuft er wenig, ist zappelig und schleift mit seinen Zähnen am Metallgitter der Box entlang (ein Erbe aus der Tierklinik). Auch die langen Unterrichtseinheiten von einer halben Stunde und das Feilen an Details sind absolut nicht sein Ding. Dazu kommt, dass er schnell "beleidigt" ist, wenn ich mit meiner Aufmerksamkeit nicht 100% bei ihm bin. Er braucht in der Arbeit viel Anerkennung, Lob und Bestätigung. Häufige Korrekturen und Wiederholungen machen ihn nervös und unsicher. Er steigert sich in diesen Zustand hinein und es ist kaum möglich, ihn wieder zu beruhigen. Trotzdem möchte ich ab und zu Unterricht nehmen und vor Ort haben wir niemanden, daher müssen wir auf Kurse. Ich lasse mich meistens filmen und kann mir zu Hause in Ruhe alles noch mal anschauen. Im direkten Unterricht bin ich so beschäftigt, dass ich gar nicht so viel aufnehmen kann. Zum Glück sind akademische Zuschauer sehr höflich, trotzdem spürt man eine leicht abfällige oder auch mitleidige Stimmung. Das ist nicht einfach.

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Gebisslose Arbeit klappt besser, trotzdem ist Glæðir sehr "maulig" 

Auf Kursen bekomme ich regelmäßig gut gemeinte Tipps "Das würde ich mir nicht gefallen lassen.", "Leckerli gehen bei so einem Pferd gar nicht.", "Mich würde er nur einmal beißen wollen." Ja, diese Phase hatten wir auch. Mein Weg sieht heute anders aus: Ich kann dieses Pferd nicht grundlegend ändern und möchte mir seine Begeisterungsfähigkeit ja auch erhalten. Ich lasse ihn zu mir kommen, Kontakt suchen und auch schlecken. Wenn er beißen will, schicke ich ihn ein paar Schritte zurück, schiebe seinen Kopf zur Seite oder lasse ihn auch mal in die Gerte hineinlaufen. Ich versuche, so ruhig wie möglich zu bleiben. Wenn ich wütend werde oder selbst nervös bin, regt er sich nur noch mehr auf. Auf das Reiten mit Gebiss verzichte ich auf Kursen komplett - Glæðir beißt nur hektisch darauf herum und kann sich noch weniger konzentrieren. Bent geht zum Glück darauf ein: Er lässt mich nicht rückwärts vor meinem Pferd laufen, was alles noch schlimmer machen würde. Glæðir hasst es, direkt am Kappzaum mit der Hand vor der Nase geführt zu werden. Auch auf gut gemeinte Kommentare zur Grunderziehung verzichtet Bent. Für seine respektvolle Art zu unterrichten, seine Geduld und seinen Humor bin ich ihm sehr dankbar.

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Auch das Führen von außen kann eine Lösung sein

Sehr gefreut hat mich in Mannheim, dass zwei Zuschauerinnen nach den Unterrichtseinheiten zu mir kamen, die es bewundernswert fanden, wie ich mit Glæðirs Hektik und dem ständigen Generve umgehe. Eine der beiden hat selbst so ein Pferd und verzweifelt oft mit ihm. Gerade die kleinschrittige Arbeit in der Akademischen Reitkunst macht es solchen Pferden sehr schwer, da die Konzentrationsspanne so kurz ist und sie schnell frustriert sind. Eine der Zuschauerinnen fragte mich, wie ich diesen doch sehr extremen Charakter meines Pferdes im Alltag berücksichtige. 

Mein Rat an sie und alle, die auch solche Pferde haben, sie folgender: Du kannst dich darüber ärgern, dass dein Pferd so ist und es bestrafen. Das wird aber nichts ändern, im Gegenteil. Dein Pferd wird noch hektischer, noch ruppiger werden. Ihr werdet noch weniger Spaß miteinander haben. Oder du kannst es akzeptieren und die guten Seiten daran in den Fokus rücken: ihm viel Freiheit lassen, abwechslungsreich arbeiten, keine Wiederholungen, alles in ein Spiel verpacken, seeeehr kurze Einheiten (5-10 Minuten), viel Körperkontakt zulassen, überschwänglich loben, echt begeistert sein, wenn was klappt. Meine Gesprächspartnerin nannte das sehr treffend "Konfettiregen". Feuerpferde sind wunderbare Lehrmeister im positiven Denken und für die eigene Kreativität. Es wird niemals langweilig. Und schließlich geht es ja nur ums "Zeit schön verbringen" :-).

(Text: Anja Hebel, Fotos: Sophia Hardorp)

"Reitkunst und Tölt" - Bericht vom ersten Gangpferdekurs bei Reitkunst Südwest

Schon lange war es mein Wunsch, einmal einen reinen Gangpferdekurs bei Reitkunst Südwest durchzuführen. Mein Isländer ist Naturtölter und das bringt einige Besonderheiten mit in die akademische Ausbildung. Ich war gespannt, ob sich genügend Teilnehmer melden, da das Thema doch sehr speziell ist. Doch so langsam tut sich etwas in der Gangpferdeszene und anscheinend gibt es doch einige, die nach einer pferdeschonenden Ausbildung suchen :-)

Am 12.-13.11.2016 war es soweit: 5 aktive Teilnehmer mit Islandpferden und 13 Zuschauer trafen sich in Legelshurst. Susanne Waltersbacher hatte vor Ort alles perfekt organisiert, so dass ich mich voll und ganz auf die Inhalte konzentrieren konnte. 

Am Samstagmorgen starteten wir mit einer 1,5-stündigen Theorieeinheit zum Thema "Gangpferde verstehen - Biomechanische Grundlagen". Anfangs ging es um die Fußfolge im Tölt und Pass und ihren Einfluss auf die Rumpfrotation. Durch das Laufen von "Trab" und "Pass" konnten alle Kursteilnehmer die unterschiedlichen Bewegungsmuster bei diagonaler und lateraler Fußfolge spüren. Anschließend waren die Besonderheiten im Exterieur von Gangpferden das Thema: Durch eine rückständige, steife Hinterhand und teilweise auch Vorhand liegt der Schwerpunkt bei Gangpferden häufig relativ weit vorne. Der Rückschub der Hinterbeine ist gegenüber dem Vorgriff betont. Das bringt Vorteile fürs Tempo und für das Reiten langer Strecken, aber eben auch Nachteile für die Tragkraft. Durch verschiedene Kurzfilme, Fotos und anatomische Zeichnungen machten wir uns mit den Unterschieden zwischen Rückengänger und Schenkelgänger vertraut. Im Trab sind die Unterschiede offensichtlich, im Tölt ist das nicht ganz so einfach. Durch eine sehr bewegliche Lendenwirbelsäule sind Tölter durchaus in der Lage, weit unterzutreten, auch bei weggedrücktem Rücken. Fatal ist auch, dass ein Schenkelgänger im Tölt ebenfalls bequem (für den Reiter!) ist. Zum Abschluss beschäftigten wir uns mit den wichtigsten Ausbildungszielen, um ein Gangpferd auch im Tölt gesund reiten zu können.

Die anschließenden Praxiseinheiten (1/2 Stunde pro Pferd-Reiter-Paar) nutzten wir, um den Ausbildungsstand der  teilnehmenden Zwei- und Vierbeiner kennen zu lernen. Alle Pferde wurden am Boden vorgestellt. Die Unterrichtsschwerpunkte lagen teilweise beim Lösen Richtung Vorwärts-abwärts. Dabei war es mir wichtig, dass die Teilnehmer erkennen, wann die richtigen Muskelgruppen für eine gesunde Traghaltung aktiv sind (Rumpftragemuskulatur). Weiter fortgeschrittene Isländer wurden auch in den Seitengängen vorgestellt. Hierbei lag der Fokus auf dem Erhalt von Stellung und Biegung, damit keine "Seitwärtsgänge" entstehen, die eine Dehnung der äußeren Muskelgruppen verhindern.

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Entspannte Unterhalsmuskulatur als Grundvoraussetzung für die Stellung

Nach dem Mittagessen im Reiterstübchen war das Thema der zweiten Theorieeinheit "Akademische Ausbildung - Bei Gangpferden anders?". Schon Baron von Eisenberg beschäftigte sich 1759 mit dem "kunstmäßigen Zelt". Er erkannte aber auch, “ dass der Zelt nicht auf die Reitschule gehört, sintemal ein Zelter auf der Reithschul nichts lernen kann, denn derselbige trabet nicht und ohne Trab kann man den Pferden die Schultern nicht wol erleichtern noch dieselbigen biegsam oder geschwind genug machen einen Galopp zu thun." (Des Herrn Baron von Eisenbergs wohleingerichtete Reitschule, 1759: Tafel 13, "Der Fleißige").

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Baron von Eisenberg: Kunstmäßiger Zelt

Damit trifft Eisenberg die Ausbildungsschwierigkeiten bei Gangpferden sehr genau, was frustrierend sein kann. Betrachtet man die Reitkunst aber als eine individuelle Schulung des Pferdes, so kann auch ein Gangpferd sehr wohl von einer akademischen Ausbildung profitieren. Durch Fotos von Glæðir verdeutlichte ich die Grundausbildung nach dem Ausbildungskreis von Reitkunst Südwest bis zur Versammlung (Campagneschule). Die Kreisform haben wir deshalb gewählt, weil alle Ausbildungsschritte miteinander zusammenhängen und man auch mit dem Erreichen erster Versammlungsansätze nicht "fertig" ist. Hankenbeugung verbessert beispielsweise alle anderen Ausbildungsschritte.

Im praktischen Unterricht entschieden sich die meisten Teilnehmer zu reiten. Der Fokus lag hier darauf, die korrekte Stellung und Biegung zu spüren, zuerst auf der Kreislinie, bei den Fortgeschrittenen auch in den Seitengängen. Meistens blieben wir dabei noch im Schritt. Einige Pferd-Reiter-Paare gingen auch zum Tölt über und wir beurteilten, ob die Pferde in der Lage sind, sich auch in dieser Gangart zu lösen. Auch bei den viergängigen Isländern war dies im Trabtölt möglich. 

Der Sonntag startete wieder mit einem 1,5-stündigen Theorieteil, in dem der Schwerpunkt auf dem Einfluss der akademischen Ausbildung bei Gangpferden lag ("Fortschritte und Probleme"). Hier hatte ich wieder viele Fotos und Filmausschnitte von Glæðir dabei, die seine Entwicklung dokumentieren. Man erkennt sehr gut, wie sich sein Schwerpunkt im Laufe der Ausbildung nach hinten verlagert und damit auch Probleme wie Stolpern und Greifen nicht mehr auftreten. Auch die Korrektur seiner Schiefe, die durch seine Verletzung am rechten Karpalgelenk besonders ausgeprägt war, wird sichtbar. Im Tölt lag der Fokus auf der relativen Aufrichtung, die erst mit zunehmender Versammlungsfähigkeit möglich wird. Glæðirs Schwierigkeiten mit der Hankenbeugung waren ein guter Aufhänger für die Diskussion, wie viel Versammlung bei einem Fünfgänger möglich ist und wann durch Ausweichbewegungen (z. B. extremes Abkippen in der Lende) gesundheitliche Probleme auftreten können.

In der dritten Praxiseinheit arbeiteten viele Teilnehmer am Übergang zum Tölt. Vor allem bei den viergängigen Pferden wurde aber auch deutlich, dass der Trab zur Gymnastizierung und zum Aufbau der Rumpftragemuskulatur nicht vernachlässigt werden sollte. Spannend war vor allem, wie sich die Isländer durch Veränderungen im Sitz auch im Tölt lösen konnten. 

Insgesamt war es ein tolles Wochenende. Durch Diskussionen mit Fachleuten aus dem Bereich Pferdeosteopathie und Physiotherapie konnte ich ebenfalls viel lernen. Sehr gefreut hat mich, dass ich einige Facebook-Bekanntschaften aus unserer Gruppe "Islandpferde in der Akademischen Reitkunst" endlich persönlich kennen lernen konnte. Obwohl ich mich auch bei den anderen akademischen Kursen mit meinem "Zottelpony" sehr wohl fühle, war es sehr schön, mal nur unter Isileuten zu sein. 

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Ein Treffen von Facebook-Bekanntschaften: Sara Lerbs arbeitet an der Abkürzung des Rückschubs im Schritt

Am 21. und 22. Januar 2017 wird dieser Kurs in Waldalgesheim bei Bingen wiederholt und auch in Legelshurst sind 2017 weitere Gangpferdekurse geplant. Hier soll es dann um Schwerpunktthemen gehen. Ich hoffe sehr, dass sich daraus ein regelmäßiger Austausch entwickelt und wir auch bisherige "Nicht-Akademiker" für unseren Ausbildungsweg begeistern können. Islandpferde sind wunderbare Pferde und haben eine gesundheitsfördernde Ausbildung in allen Gangarten mehr als verdient!

(Text: Anja Hebel, Fotos: Susanne Waltersbacher)

Trainingstage mit Alexandra Bohl in Fischerbach

Am 21. und 22.10.2016 hatten wir bei herrlichem Herbstwetter zwei lehrreiche Trainingstage mit Alexandra Bohl (Wappenträgerin) in Fischerbach. Alexandra hatte Glæðir und mich in unseren Anfangsjahren der Akademischen Reitkunst sehr intensiv begleitet. Im letzten Jahr hatte ich aber keine Möglichkeit, bei ihr Unterricht zu nehmen. Daher nutzte ich diese Chance und war gespannt, was sie zu unserer Entwicklung sagen würde.

In den ersten beiden Unterrichtseinheiten wollte ich Bodenarbeit machen und Alexandra vor allem unsere Ansätze in der Versammlung zeigen. Der große Reitplatz stellte uns vor das Problem, dass Glæðir imer wieder über die Schulter ausfällt. Zu Hause haben wir ja nur einen kleinen Paddock zum Üben, daher sind wir fast immer am Zaun. Alexandra übte mit uns das Führen von außen, um die äußere Schulter besser kontrollieren zu können.

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Von außen zu führen und rückwärts zu laufen ist nicht einfach

Anschließend zeigte ich Alexandra Glæðirs Ansätze zur (Schul-)Parade. Nach einem Jahr verlagert er seinen Schwerpunkt nach hinten und gibt in den Hanken ein bisschen nach. Allerdings macht er, wenn ich zu viel verlange, schnell einen "Katzenbuckel" in der Lendenwirbelsäule. Dann öffnet sich der Winkel zwischen Hüfte und Oberschenkel und wird größer statt kleiner. Ziel ist aber, dass alle Gelenke der Hinterhand sich gleichermaßen beugen. Ich habe auch gemerkt, dass er sich im Unterhals irgendwann fest macht, vor allem, wenn er sich schnell heraushebeln möchte. Wir übten daher ganz langsam und arbeiteten uns an die Grenze vor, wo Glæðir den Rücken noch nicht hochzieht und in der Unterhalsmuskulatur entspannt bleibt. Nur dann setzt er die Rumpftragemuskulatur richtig ein und das sollte ja neben der Hankenbeugung der Sinn dieser Übung sein.

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Arbeit an den Details in der Parade

Alexandra empfahl mir auch, die Versammlung stärker in der Bewegung zu fördern und Übergänge zwischen versammeltem Schritt und Parade einzubauen. Glæðir kann schon sehr gut seinen von Natur aus starken Rückschub der Hinterbeine abkürzen, ohne dass der Vorgriff darunter leidet. An den Übergängen zur Parade müssen wir noch arbeiten.

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Glæðir im versammelten Schritt

Am Sonntag ritt ich dann und arbeitete vor allem am Geraderichten im Schritt und Trab. Beim Reiten gelingt es mir viel besser, die Schulter oder Hinterhand am Ausfallen zu hindern. Wenn Glæðir sich im Hals überbiegt, sollte ich Richtung Renvers sitzen um den Rumpf zu stabilisieren. Das hat prima funktioniert.

Sehr gefreut hat mich, dass Alexandra unsere Fortschritte gelobt hat. Es ist schön zu wissen, dass man auch beim selbstständigen Üben weiterkommt. Trotzdem hoffe ich, dass unser nächster Trainingstag schon bald sein wird - gerade in den Details schleichen sich doch immer wieder Fehler ein.

Es war ein interessantes Wochenende mit einigen "Aha-Erlebnissen". Schön war es auch, so viele Akademikerinnen von früher einmal wiederzusehen. Vielen Dank auch an die Organisatorinnen vor Ort und an meine tollen Fotografinnen!

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Vielen Dank, Alexandra!

(Text: Anja Hebel, Fotos: Susanne Waltersbacher und Jessica)

Kurs mit Bent Branderup in Mannheim

Vom 13.-14.02.2016 fuhren Glæðir und ich nach Mannheim. Julia Schnatterbeck hatte diesen Kurs organisiert und mir netterweise die aktive Teilnahme ermöglicht. Am Vorabend gab es einen interessanten Vortrag von ihr zum Thema "Biomechanik und Versammlung", wo sie durchaus auch kritische Worte zur Schulparade fand: Zu schnell werden dadurch zu hohe Versammlungsgrade verlangt, was sich negativ auf die Rückenmuskulatur auswirkt. Dieses Problem kenne ich nur zu gut. Auch bei Glaedir besteht diese Gefahr. Julia erklärte uns die biomechanischen Zusammenhänge: Der Mittlere und der Oberflächliche Kruppenmuskel (Musculus glutaeus medius und Musculus glutaeus superficialis) sind die wichtigsten Muskeln, die die Wirbelsäule aus der Hinterhand anheben können. Entsteht in der Schulparade ein Knick in der Hüfte, werden die Kruppenmuskeln nicht angespannt, d. h. der Rücken wird nicht aus der Hinterhand gehoben. Das Rückwärtsrichten oder auch Steigen sind laut Julia geeignetere Übungen, um die Glutaeus-Muskeln zu kräftigen, bevor man mit der Schulparade beginnt. Auch Tempiwechsel zwischen vorwärts und Versammlung trainieren die Hankenbeugung effektiver als die Schulparade allein.

Vor Kursbeginn am Samstagmorgen war ich dann doch ziemlich aufgeregt. Klar, es geht nur ums Lernen, nicht darum irgendetwas vorzuführen. Trotzdem ist es etwas Besonderes, bei Bent Branderup zu reiten. Ich hoffte natürlich, dass es zumindest annähernd so klappt wie zu Hause, damit wir Ansätze für das weitere Training lernen können. 

Während der ersten Theorieeinheit bekamen wir die Reihenfolge der Unterrichtseinheiten ausgeteilt: Oh je, ich war immer als erste dran! Das führte dazu, dass ich leider keinen Theorieteil komplett hören konnte, weil ich mein Pferd vorbereiten musste. Es war auch nicht möglich, vorher in die Halle zu gehen, weil dort noch Pferde des Reitvereins bewegt wurden. Während meiner Unterrichtseinheiten war außerdem eine ziemliche Unruhe, bis alle Zuschauer ihren Platz gefunden hatten :-(.

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Hilfe - so viele Leute!

Entsprechend furchtbar war dann auch der erste Unterricht (Bodenarbeit). Mein Pferd war natürlich genauso durch den Wind wie ich, drängelte, knabberte ständig an allem herum und konnte sich kaum konzentrieren. Trotzdem konnten wir viele Anregungen mitnehmen, gerade, was die Ansätze zur Versammlung angeht. Am Boden versteht Glæðir die Parade schon recht gut. Bent Branderup empfahl mir fürs Geraderichten, auf Glæðirs steifer Seite die Gerte erst als äußeren Schenkel zu verwenden, dann als inneren Schenkel. Auf seiner hohlen Seite ist die richtige Position der Gerte zuerst als innerer Schenkel, dann als äußerer Zügel. Hier fällt Glæðir leicht mit der Schulter aus. Neu war für mich, dass ich die Gertenhilfe an der Schweifrübe zur Versammlung geben soll, wenn die Vorderbeine abfußen, um den Rückschub der Hinterbeine abzukürzen. Das hat wirklich besser geklappt. Ein "Aha-Erlebnis" war für mich auch das Fühlen, wenn die Parade richtig in den Hanken ankommt: Dann geht mein Pferd ganz leicht nach hinten, ohne Widerstand. Gelesen hatte ich das natürlich schon, aber nicht so bewusst gespürt. Bei Gewicht in der Hand findet kein Einfluss auf die Hinterhandgelenke statt - der Schub verstärkt sich. Ein guter Tipp war auch, dass ich die Kopf-Hals-Position in der Schulparade variieren soll (höher - tiefer, mehr Stellung - weniger Stellung), um die ideale Position zu finden, damit der Rücken gehoben werden kann.

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Wir üben das Schwerpunkt verschieben nach hinten und Glæðir gibt ein bisschen in den Hanken nach

Im 2. Theorieteil ging es um den Reitersitz. Bent Branderup brachte es mit seiner humorvollen Art auf den Punkt:

"Ich habe noch nie ein Packpferd gesehen, das nicht über den Rücken geht. Sie müssen als Reiter zumindest so gut werden wie das Gepäck."

Am Nachmittag bat ich eine andere Teilnehmerin mit ihrer Isländerstute mit in die Halle zu kommen. Das war eine gute Idee und Glæðir war etwas ruhiger. In der zweiten Unterrichtseinheit ritt ich und hatte (wie schon häufiger auf Kursen) das Problem, dass Glæðir bei Nervosität hektisch auf dem Gebiss herumkaut. Trotzdem hatten wir auch hier ein paar gute Momente. Bent Branderup führte den versammelnden Unterschenkel ein - das war völliges Neuland für mich. Ich sollte erst eine Parade über den Sitz (mehr mit dem Oberkörper, damit der Rücken nicht weggedrückt wird) und über den Zügel geben. Allerdings trat hier bald wieder unser altbekanntes Problem auf: Sobald ich etwas zu viel mit der Hand mache, um Glæðir zu lösen, kommt er hinter die Senkrechte, macht sich fest und schiebt mit der Vorhand nach hinten.

Von oben klappte die Versammlung nicht so gut, daher ließ Bent Branderup mich zwischendurch absteigen, damit ich Glæðir die Hilfe von unten wieder erklären konnte. Bisher hatte ich die Versammlung nur vom Boden aus trainiert, weil ich das Gefühl habe, dass der Rücken allzu leicht weggedrückt wird und da bin ich entsprechend vorsichtig.

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Zwischendurch waren wir auch entspannt

Glæðir kam abends auch mit der Isländerstute mit in die Halle und beruhigte sich dadurch zusehends. Am nächsten Tag beschloss ich gleich, ihn nur mit dem Kappzaum zu arbeiten und zu reiten, um erst gar kein hektisches Kauen zu provozieren. Das war eine gute Idee. Endlich waren wir beide entspannt und konnten uns aufs Lernen konzentrieren. Mittlerweile hatte ich auch verstanden, dass Bent Branderup wenige Anweisungen gibt, was man üben soll. Er überlässt einem die Gestaltung des Trainings und kommentiert das dann. Das ist eigentlich eine sehr sinnvolle Art zu lernen, die ich sonst von Kursen nicht kenne, aber man muss sich natürlich darauf einstellen. In den ersten beiden Stunden wartete ich noch zu sehr auf Anweisungen und traute mich noch zu wenig, selbst zu entscheiden, was als Nächtes kommt. Wir übten noch mal das Geraderichten und die Ansätze zur Versammlung über den Sitz. Abschließend fragte ich noch, ob Bent Branderup sich den Tölt und Trab mal ansehen könnte. Ich habe im Trab ja immer das Problem, dass Glæðir sich in den Trab "hineinschmeißt" und kaum formbar ist. Sitze ich ein bisschen "versammelnd", kommt Tölt. Bent Branderup bestätigte mir meine Einschätzung und meinte, wenn ein Pferd so locker töltet, ist es kein Problem, weiter in dieser Gangart zu arbeiten. Er empfahl mir, an den Tölt-Trab-Übergängen über den Sitz und den treibenden Schenkel zu arbeiten und darauf zu achten, dass mein Pferd die Tölt-Haltung möglichst beibehält. Einmal klappte das auch wirklich gut. Zum Tölt meinte er Folgendes: 

„Ich sehe keine Probleme darin, ein Pferd, das von Natur aus Tölt hat, zu tölten. Dann haben wir einen Naturtölter, und was er von Natur aus kann, schadet ihm nicht. Das Problem ist, dass bei dem einen oder anderen Pferd der Tölt ein gebrochener Trab ist. Ich habe nichts gegen einen Naturtölter, ich habe was gegen Leute, die ein Pferd zum Tölt zwingen. Wenn ein Pferd nur mit steifem Hals tölten kann und trabt, wenn du den Hals löst, dann ist das nicht so gut. Wenn du ihn aber auch im Tölt im Genick lösen kannst, dann sehe ich kein Problem darin. Ich habe ein bisschen eine andere Idee von Tölt als der Turnierrichter. Als ich töltende Pferde geritten bin, haben wir Schafe getrieben. Ich sehe den Tölt eher als Gebrauchsgangart für schwieriges Gelände.“

Da sind wir auf jeden Fall einer Meinung :-)

Insgesamt war es für mich ein unglaublich lehrreicher Kurs. Bei keinem Ausbilder bisher hatte ich so stark das Gefühl, dass unsere Potentiale und Probleme auf Anhieb erkannt wurden. Schade war nur der "undankbare" erste Unterrichtsplatz, aber das ist wohl das Los der "Neulinge". Auch der Lärmpegel aus dem Publikum war zeitweise sehr störend. Manchmal habe ich Bent Branderup kaum verstanden. 

Kursorganisation, Unterbringung der Pferde und Verpflegung waren aber sehr gut organisiert - es war sicher eine Herausforderung, so viele Teilnehmer zu koordinieren. Vielen Dank dafür an Julia und ihr Helfer-Team!

Ganz herzlichen Dank auch an meine Schülerinnen, die mich auf diesen Kurs begleitet haben und uns tatkräftig und moralisch unterstützt haben. Die tollen Fotos und Filmaufnahmen habe ich euch zu verdanken. Jetzt kann ich mir in Ruhe noch mal alle Stunden anschauen und versuchen, das Gelernte zu Hause zu festigen.

 

(Text: Anja, Fotos: Daniela, Film: Katharina, Anja)

 

Kurs "Blickschulung und Bewegungsanalyse" mit Maria Roob in Legelshurst

 

 

Am 18. und 19. April 2015 haben wir bei Reitkunst Südwest ein spannendes Kurswochenende zum Thema "Blickschulung & Bewegungsanalyse" erlebt. Maria Roob (Wappenträgerin der Akademischen Reitkunst) brachte uns sowohl für die Bodenarbeit als auch beim Reiten entscheidende Impulse für die weitere Arbeit in Richtung Versammlung.

In drei ausführlichen Theorieeinheiten ging es um die Pferdebeurteilung und die Bewegungsanalyse. Maria stellte uns in kurzen Filmsequenzen drei verschiedene Pferde im Stand und in der Bewegung vor und wies uns auf anatomische Besonderheiten hin. Dabei ging sie vor allem auf den Übergang zwischen Lendenwirbelsäule und Kreuzbein ein, der bei gerittenen Pferden einen Schwachpunkt darstellt. Wird der Rücken weggedrückt, sackt außerdem die Brust nach unten, da Pferde über keine knöcherne Verbindung zwischen den Schulterblättern verfügen (beim Mensch übernimmt das das Schlüsselbein). Die Hinterbeine schieben mehr als dass sie tragen und der Kopf wird entweder hochgerissen oder eingerollt.

Maria erklärte uns, wie man durch gezieltes Training Schäden vorbeugen kann. Der Focus liegt dabei auf einer korrekten Bewegungsübertragung von der Vorhand auf die Hinterhand durch das Geraderichten. Damit das Pferd mit der Hinterhand tragen kann, werden anschließend die Beugung und die Versammlung gefördert.

In den Praxiseinheiten ging Maria auf den individuellen Ausbildungsstand der Pferd-Reiter-Paare ein. Glæðir und ich begannen mit der Boden und Longenarbeit:

Maria zeigte uns unterschiedliche Wege um die Versammlung zu fördern: Zum einen die Arbeit mit der Hinterhand (z. B. durch Touchieren am Schweifansatz) und zum anderen am Kopf durch leichte Aufwärtsparaden, ohne die Hinterhand zu verlieren. Anschließend sollte sich Glæðir wieder flüssig ins Vorwärts-abwärts lösen, so dass der Bewegungsimpuls nicht verloren geht. Ziel dieser Arbeit wird sein, dass Glæðir den Unterschied zwischen einem langen Rahmen mit langen Schritten und einem verkürzten Rahmen versteht. Dabei wird er anfangs auch langsamer werden. Langfristiges Ziel ist aber, dass er die Energie beibehält und die Schritte kadenzierter werden.

Der Trab ist ein schwieriges Thema bei uns, weil Glæðir sich auf die Vorhand „schmeißt“ und davonrennt. Eine Formung ist nur schwer möglich, da er als Naturtölter schnell in den Tölt wechselt. Als Hausaufgabe gab uns Maria auf, das Diagonalisieren im Schritt zu üben, so dass Glæðir gar nicht an Trab denkt, aber trotzdem in Richtung Zweitakt kommt. Dabei wird das innere Hinterbein auf den Schrittrhythmus der äußeren Vorderbeins „eingetaktet“. Das wird Glæðir aber sehr schwer fallen (Dauer: ca. 1 Jahr) und ich muss aufpassen, dass er nicht frustriert wird.

Beim Reiten verfeinerten wir die Seitengänge im Schritt, die Glæðir an der Bande ganz gut beherrscht und daher etwas gelangweilt ist. Er neigt auch dazu, Schulterherein und Kruppeherein einfach „abzuspulen“ und oft auch durch Überbiegen zu mogeln. Maria übte mit uns verschiedene Kombinationen: Renvers – Schulterherein, Traversale – Schulterherein, Kruppeherein – Traversale – Schulterherein und die Anfänge der Schrittpirouette. Glæðir war hoch konzentriert bei der Sache und Marias kreative Art zu unterrichten war genau sein Ding J. Er konzentrierte sich viel besser als sonst auf die Hilfengebung.

Im Tölt arbeiteten wir mit Zirkel verkleinern und vergrößern als Vorbereitung für die Seitengänge in dieser Gangart. Durch die geringere Rumpfrotation im Tölt fällt ihm das noch schwer. Im Focus stand Glæðir schwächeres linkes Hinterbein, das ich gezielt trainieren muss.

Zum Schluss übten wir noch den Galopp – ebenfalls ein schwieriges Thema für ein Pferd mit viel Passveranlagung. Der Wert dieser Gangart ist jedoch für die Mobilisierung der Lendenwirbelsäule, für das Bauchmuskeltraining und nicht zuletzt für den Spaß am Laufen (und Reiten) ganz entscheidend. Maria empfahl mir, das Angaloppieren aus dem Schritt zu üben, ein oder zwei gute Sprünge zu erhalten und dann wieder durchzuparieren, möglichst bevor die Passverschiebung einsetzt. Da wir mangels eines Reitplatzes nur im Gelände galoppieren können, war das wirklich eine neue Erfahrung für uns. Ich habe mich sehr gefreut, dass das Angaloppieren auf beiden Händen gut klappte. Der Rechtsgalopp war ja nach Glaedirs Unfall nicht mehr möglich gewesen.

Maria gab uns eine Fülle von neuen Ideen mit nach Hause und wir üben mit Begeisterung. Zum Glück hat Katharina alle Unterrichtseinheiten gefilmt, so dass ich mir alles noch mal in Ruhe anschauen kann. Da wir deshalb kaum Fotos gemacht haben, ergab sich die Idee, einige Filmsequenzen zusammenzuschneiden und so einen Einblick in diesen gelungenen Kurs zu vermitteln. 

Wir freuen uns schon auf den nächsten Kurs mit Maria im Juni. „Der Sitz, die wichtigste Hilfe“, wird dann das Schwerpunktthema sein. Vielen Dank auch an Susanne, die diesen Kurs mal wieder perfekt organisiert hat!

 

blickschulung maria

Maria überprüft unser Schulterherein

(Text: Anja, Foto und Filmaufnahmen: Katharina)

 

Kurs mit Bent Branderup in Dischingen

Auch beim Septemberkurs auf dem Pasohof von Isabell und Markus Steiner nahm ich wieder als Zuschauer teil. Ich traf einige bekannte Gesichter vom Islandpferdegestüt "Scherzigerhof" und von "Reitkunst Südwest".

In der ersten Theorieeinheit legte Bent Branderup den Schwerpunkt auf die korrekte Stellung: Stellt der Ausbilder hierbei schon Steifheiten fest, gilt es, die Ursache zu finden. Dazu kann man mit der Hand am Hals entlangstreichen und versuchen, Verhärtungen über einzelnen Wirbeln zu mobilisieren. Blockiert die Schulter, bewegt man diese über Gertensignale. Allzu extreme Bewegungen gilt es dabei zu vermeiden: Das Vorderbein sollte trotzdem noch über dem Huf stehen. Ansonsten wird das Pferd auf die Schulter geschoben. Das "Über-die-Schulter-Schieben" passiert auch, wenn die gerittene Bahnfigur nicht mit der physiologischen Form des Pferdes übereinstimmt, also zu viel Biegung ohne Versammlung verlangt wird.

Thematisiert wurde auch eine Kopfposition, die eine Lastaufnahme durch die Hinterhand begünstigt. Kommt der Hals zu tief und ist der Kopf dabei auch noch eingerollt, werden die Vorderbeine ausgebremst und die Hinterbeine schieben nach hinten. Die Kopfposition ist immer ein Resultat der Hinterhand.

Anschließend ging es um die Schulparade, die dem Pferd zuerst vom Boden aus über ein Körpersignal beigebracht wird. Wenn die Körperhilfe funktioniert, kann man zur Parade über den Zügel übergehen, die das Pferd aber erst verstehen muss. Der Ausbilder steht anfangs dort, wo beim Reiten der innere Schenkel liegt. Die Gerte ersetzt den äußeren Schenkel, so dass das Pferd zwischen den Hilfen eingerahmt wird. Auf die Parade hin darf die Hinterhand nie ausfallen! Ziel der Parade ist es, dass alle Gelenke der Hinterhand gebogen werden. Häufig kann man dabei beobachten, dass ein Gelenk (z. B. das Hüftgelenk) stärker nachgibt. Dann war der Grad der Hankenbiegung noch zu stark und man sollte wieder weniger verlangen. Bent wies auch noch darauf hin, dass das Auslösen der Reflexpunkte an der Kruppe abwärts für die Versammlung nichts bringt, da die Schulter dabei nach unten sackt. Das Ziel der Versammlung sollte aber beides sein: das Absenken der Hinterhand und das Heben der Vorhand. 

Viele Teilnehmer begannen im Praxisteil mit der Bodenarbeit. Auch hierbei konnte ich viele Tipps mitnehmen, z. B. dass der Ausbilder beim Schulterherein an der Hand nicht seitlich neben der Schulter laufen sollte. Damit steht der Mensch der Schulter quasi im Weg. Besser ist ein Standpunkt auf Höhe der Schenkellage. Bent betonte auch, dass beim Schulterherein tatsächlich die Schulter hereingenommen werden sollte und nicht der Kopf und empfahl, dies mit einem Halsring oder dem Zügel um den Hals zu erreichen. Die Schulter kann nur bewegt werden, wenn das äußere Vorderbein in der Luft ist. 

In der zweiten Theorieeinheit ging es um den Reitersitz. Der Unterschied zwischen geschlossenem und offenem Sitz und die Rolle des Reiterschwerpunktes waren mir bereits bekannt. Als neuen Impuls nahm ich mit, dass es beim seitlichen Mitschwingen weniger darum geht, innen tiefer zu sitzen, sondern an der Außenseite des Pferdes leichter zu werden und dem langen Rückenmuskel seine Arbeit zu ermöglichen. Dies kann anfangs dadurch erleichtert werden, dass man außen mit der Hüfte leicht einknickt und mit dem inneren Fuß stärker in den Bügel tritt. Bent erklärte uns drei Sitzphasen, die der Reiter erlernt:

1. oben bleiben :-) (aber in Balance!)

2. mitgehen in der Bewegung und Analyse (Wie läuft das Pferd?)

3. beeinflussen der Bewegung durch den Sitz

In der Versammlung sitzt man mit offenem, lockeren Sitz, die Unterschenkel "takten die Hinterbeine" und die Hand begleitet den Sitz nur. 

Bei den Reitstunden konnte ich ebenfalls einige Anregungen bekommen: Wenn der zu kurz tretende Hinterfuß vorgearbeitet wird, stimmt auch die Stellung und das Pferd verwirft sich nicht mehr im Genick. Man sollte möglichst nicht an der Wand arbeiten, da dann die Schulter begrenzt wird und das Pferd die Hilfe eher von der Wand als vom Schenkel erhält. Wenn das Kruppeherein korrekt geritten wird, spürt der Reiter, dass das Pferd am inneren Zügel leichter wird. Ich nutzte dieses Stichwort, um Bent zu fragen, ob beide Kandarenzügel gleich lang sein sollten, oder ob der innere bei korrekter Stellung kürzer gefasst wird. Er antwortete, dass die Kandarenzügel anfangs durchhängen und es lediglich um die Positionierung der Schulter ginge. Die Stellung werde nur über den Kappzaumzügel unterstützt und das Ziel sei eine korrekte Stellung der Hüfte über den Sitz. Generell sollte die Arbeit immer zu einer Verbesserung der Grundgangarten führen, sonst wird der Sinn der Übungen verfehlt. Auch meine Nachfrage, mit wie viel Abstellung man das Kruppeherein reiten sollte, wurde damit beantwortet - Was hilft, ist richtig. 

Nicht gefallen hat mir während der Unterrichtseinheiten, dass viele Reiter ihre Pferde sehr eng ritten. Ein schönes Vorwärts-abwärts haben ich und auch andere vermisst und darauf wurde früher in der Akademischen Reitkunst viel Wert gelegt. Auch beim Einsatz einer blanken Kandare, wenn das Pferd offensichtlich noch nicht über den Sitz geritten werden kann, hätte ich mir (noch) deutlichere Kritik gewünscht. Das ist als Ausbilder natürlich immer eine Gratwanderung.

Beim Abschlussvortrag brachte Bent die Ziele der Akademischen Reitkunst noch mal sehr prägnant auf den Punkt: Man sollte ein Pferd so arbeiten, dass es die erlernten, verbesserten Bewegungen mit "auf die Weide nehmen kann". Wenn andere Pferde die Bewegungen schön finden, war die Arbeit erfolgreich. Bent hat es bei einem Carmarguepferd schon erlebt, dass sogar die Position in der Rangordnung sich durch die Reitkunst verändert hat. Dieses Pferd lief mit seinen bisherigen Gangarten quasi "mit einem Schild 'Friss mich' um den Hals herum", das in der Natur Raubtiere anlocken würde. Solche Pferde werden von anderen Herdenmitgliedern instinktiv gemieden, da die Sicherheit der Herde vorgeht. Die Herde hat bei diesem Pferd das durch die Ausbildung verbesserte Gangbild wahrgenommen. Das Pferd bekam dadurch mehr Selbstbewusstsein, was sich dann wiederum positiv auf die Dressurarbeit auswirkte.

Bent betonte außerdem, dass wir als Ausbilder auch an unserer Körpersprache arbeiten müssen, um als Herdenchef respektiert zu werden. Dies ist oft schwierig, da die Pferde uns sehr genau "lesen" und z. B. erkennen, ob ein dominantes Auftreten lediglich überspielte Unsicherheit ist. Für viel Gelächter sorgte Bents übertriebene Demonstration der Körpersprache eines spanischen Machos und eines Skandinaviers ("Sind alle Kameras aus?"). Alles in allem war es ein sehr lehrreicher Kurs und Isabell Steiner schaffte es mal wieder, alles perfekt zu organisieren und trotzdem eine familiäre Kursatmosphäre entstehen zu lassen.

 

Kurs mit Alexandra Bohl in Legelshurst: Anlehnung

„Anlehnung am indirekten Zügel“ war das Thema unseres zweitägigen Kurses von Reitkunst Südwest in Legelshurst. Alexandra Bohl begann am Samstagmorgen mit einer Theorieeinheit zu den Aufgaben der Reiterhand:

Zuerst einmal sammelt die Hand Informationen über die Tätigkeit der Wirbelsäule und der Hinterhand. Läuft das Pferd mit viel Schubkraft, schiebt die Hinterhand nach hinten. Dann sackt die Wirbelsäule nach unten und die Hand spürt einen verstärkten Druck nach unten. Ist dagegen der Vorgriff verstärkt, senkt sich die Kruppe und die Gelenke der Hinterhand geben elastisch nach. Die Wirbelsäule erhält eine Aufwärtstendenz und das Pferd wird leicht in der Hand.

Läuft das Pferd vorwärts, tritt es idealerweise an die Hand heran: Senkt und öffnet sich die Hand, sucht das Pferd vorwärts abwärts. Bei sich schließender, anhebender Hand soll das Pferd in den Gelenken der Hinterhand nachgeben. Das funktioniert aber erst, wenn es gerade gerichtet ist und sich versammeln kann. Bei Überforderung reißt das Pferd den Kopf hoch und drückt gegen die Hand. Es gibt auch Pferde, die sich hinter die Senkrechte verkriechen und sich dadurch entziehen (z. B. Glæðir). Diese Pferde sollten viel vorwärts geritten werden, aber eine Korrektur ist schwierig, „da man eigentlich Besenstiele statt Zügeln bräuchte“.

Die einhändige Zügelführung ermöglicht eine seitliche Verschiebung der Schulter. Anschließend erklärte Alexandra uns den Unterschied zwischen direktem Zügel (Gebisshilfe) und indirektem Zügel (Zügelhilfe): Der direkte Zügel positioniert den Unterkiefer mit einem Stangengebiss und gibt nach, während der indirekte Zügel die Aufgabe hat, die äußere Schulter zu begrenzen. Erst dann kann das innere Hinterbein richtig unter der Schwerpunkt treten und die volle Kraft übertragen.

In den Reitstunden übte Alexandra mit den fortgeschritteneren Pferd-Reiter-Paaren das Formen im Stehen (Schulterherein-Kruppeherein). Vom Boden aus hatte ich das mit Glæðir schon geübt und es hatte auch ganz gut geklappt. Aus dem Sattel fand ich es aber viel schwieriger, da die Körperhilfe vom Boden aus fehlt. Anschließend ging es auf den Zirkel. Diesen sollten wir durch Verschieben der Schulter durch den indirekten Zügel und Veränderung des Körperschwerpunktes vergrößern und verkleinern. Die Pferdeschulter sollte dabei möglichst schulterhereinartig innen bleiben. Zuerst übten wir im Schritt, dann auch im Trab. Führt man die Schulter nach außen, kann man darüber auch angaloppieren und die Formgebung wiederholen.

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Zirkel vergrößern

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Auf dem Zirkel im Trab

Mara und Bounty waren ja zum ersten Mal überhaupt auf einem Kurs. Anhängerfahren, fremder Stall, fremde Pferde, Reithalle – alles war neu für sie. Es war schon ziemlich aufregend und ich befürchtete schon, dass sie irgendwann überfordert ist und "ausrastet". Letzte Woche hatte sie erst unsere Stalltür eingetreten, weil ich zuerst zwei andere Pferde auf die Weide gebracht hatte. Aber sie und Mara haben das wunderbar gemacht. Bounty war trotz Aufregung sehr aufmerksam und reagierte fein auf Maras Hilfen. Sie zeigte einen schönen Trab, in dem sie sehr gut formbar ist und wir waren unglaublich stolz auf sie. Sogar das Angaloppieren übten die beiden. Mara arbeitete viel an ihrem Sitz: Durch Eindrehen des inneren Oberschenkels und ein zurückgenommenes Knie kann sich Bounty besser biegen. Gleichzeitig soll der Unterschenkel (v. a. außen) weg vom Pferd, damit der lange Rückenmuskel nach außen schwingen kann. Im äußeren Steigbügel darf keinerlei Druck sein, sonst wird der Rückenmuskel blockiert.

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Mara und Bounty bei ihrem ersten Kurs

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Auch hier: Traben auf dem Zirkel

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Trotz fremder Umgebung blieb Bounty vertrauensvoll und gelassen 

Mara und ich ritten zum ersten Mal auf einem Kurs mit Semikappzaum und vier Zügeln (drei zu eins), Mara mit Schenkeltrense und ich auf Kandare. Super war, dass Glæðir und ich das Einrollen zunehmend besser in den Griff bekommen. Das war bisher auf den Kursen immer sehr schwierig gewesen. Ich lasse den Kandarenzügel weitgehend in Ruhe. Taucht Glæðir nach unten ab, kann ich ihn über den inneren Kappzaumzügel aufrichten, ohne im Maul zu stören. Kommt der Hals zu weit nach innen (wenn die Schulter nach außen schiebt), kann ich das über den äußeren Kappzaumzügel korrigieren.

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Der erste Kurs auf Kandare und Kappzaum

Alle „Kopffehler“ sind aber eigentlich Schulterfehler und können darüber korrigiert werden. Das Führen der Schulter klappt im Schritt schon ganz gut. Im Trab wird es schwierig die Form zu behalten, aber ein paar schöne Tritte haben wir hingekriegt.

Es war mal wieder Reiten in homöopathischen Dosierungen (Alexandra: „LM-Potenzen“) – viele unserer Pferde sind mittlerweile so fein, dass wir schnell zu viel machen. Wir Schwarzwälder sind da manchmal ein bisschen grobmotorisch und denken eher in Festmetern als in Zentimetern ;-). Trotz hoher Konzentration kam auch der Spaß auf unserem Kurs nicht zu kurz und Alexandra verstand es mal wieder meisterhaft, Bilder im Kopf zu erzeugen, die einem helfen weiterzukommen. Wir haben wieder viel zu üben und freuen uns schon auf nächstes Mal.

(Text: Anja, Fotos: Patricia Bauer)

Kurs mit Thomas Haag auf dem Scherzingerhof

Vom 31.5. bis zum 01.06.2014 hatte ich das große Glück als Reiter an einem Kurs mit Thomas Haag teilzunehmen. Zweimal im Jahr gibt Thomi einen Wochenendkurs auf dem Scherzingerhof in Hinterzarten. Bisher konnten keine Fremdreiter teilnehmen und ich hatte bereits zweimal bei Kursen zugeschaut. Auch bei einem Kurs von Bent Branderup, bei dem ich als Zuschauer teilgenommen hatte, konnte ich Thomi und seine Frau Anke Schwörer-Haag bei der Arbeit mit ihren Pferden sehen. Katrin Hofmeier vom Scherzingerhof organisierte dieses Jahr zum ersten Mal einen Kurs für Auswärtige und ermöglichte mir damit die Teilnahme mit Glæðir.

Am Samstagmorgen begann Thomi mit einer Theorieeinheit zum Thema "natürliche Schiefe" des Pferdes, die er auch in seinem Buch "Islandpferde besser reiten und richtig ausbilden" ausführlich thematisiert. Besonders interessant ist sein Ansatz, dass man diese Schiefe schon am Fall der Mähne erkennen kann: Die Mähne fällt immer auf die hohle Seite des Pferdes, da die Wirbelsäule auf diese Seite gebogen ist. Auf der falsch-hohlen Seite ist am Anfang der Ausbildung keine Mähne oder nur ein kleiner Büschel hinter den Ohren vorhanden, obwohl es so scheint, dass der Hals in diese Richtung gebogen ist. Beim Stellen des Pferdes springt der Mähnenkamm auf dieser Seite aber noch nicht über. Genick und Hüfte befinden sich nicht in Übereinstimmung, da die Wirbelsäule eine S-Form bildet. Die Kruppe auf der falsch-hohlen Seite geht beim Vorgriff des Hinterbeins hoch und nicht runter. Das Hinterbein tritt zwar weit unter, aber am Schwerpunkt vorbei. Besonders deutlich wird das in den höheren Gangarten als Kreuztrab oder Kreuzgalopp: Hier stimmt die Stellung des Pferdes nicht mit der Position der Kruppe überein. Thomi zeigte uns in Filmsequenzen, wie er mit jungen Pferden arbeitet, um diese Schiefe auszugleichen: Das Pferd ist am Anfang der Ausbildung nur in einer sehr tiefen Dehnungshaltung im Schritt in der Lage, eine korrekte Stellung und Biegung einzunehmen. Ausgehend vom Schritt wird das Tempo ganz allmählich zum Trab oder Tölt gesteigert. Richten sich die Pferde gerade, fällt die Mähne zunehmend auf beide Seiten, wobei die Schiefe bei den meisten Pferden nie ganz verschwindet.

Bei Glæðir ist diese Schiefe immer noch ausgeprägt: Er ist links hohl und rechts falsch-hohl. Dies hatte uns in der bisherigen Ausbildung immer wieder vor große Probleme gestellt, da Paraden nicht richtig durchgehen und sein rechtes Hinterbein Probleme hat unter den Schwerpunkt zu treten. Im Schritt werden die Schwierigkeiten noch nicht so offensichtlich. Er springt aber in den (Kreuz)Trab hinein, stellt die Hüfte nach außen und fällt auf die Vorhand. Im Tölt auf der linken Hand tritt das Hinterbein auf der hohlen Seite kürzer und macht einen Hopser (früher hatte er eine starke Galopprolle hinten links). Meist wird dieses Problem in der Islandpferde-Reiterei dadurch gelöst, dass das Hinterbein auf der falsch-hohlen Seite ausgebremst wird und ebenfalls kürzer tritt. Dann kann das Pferd aber nicht mehr unter den Schwerpunkt treten und wird den Rücken fest machen. Thomi arbeitete mit mir vor allem an langsamen Übergängen vom Schritt in die nächsthöhere Gangart (Trab oder Tölt) ohne "Reinspringen". Dabei sollte die entspannte, tiefe Dehnungshaltung möglichst erhalten bleiben. Der langsame Übergang ermöglicht dem Reiter auch, die richtigen Sitzhilfen in die nächsthöhere Gangart zu übernehmen.

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Thomi demonstriert die zentrale Rolle einer richtigen Hüftstellung

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Durch Touchieren wird die Wirbelsäule in Dehnungshaltung gerade gerichtet

Thomi erklärte uns während der Theorieeinheit am Nachmittag mit einem Streifzug durch die Geschichte der Reitkunst, welche Bedeutung ein wendiges, versammeltes Pferd, das nur über den Sitz geritten werden kann, für den Nahkampf hatte und warum dieses Wissen mit der modernen Kavallerie verloren gegangen ist: Durch die Schusswaffen musste der Reiter nicht mehr so nah an seinen Feind herankommen und im Krieg benötigte man die Pferde eher zum Transport zu den Schützengräben. Im spanischen Stierkampf blieb das Wissen über die Reitkunst bis in die heutige Zeit erhalten.

Während der zweiten Reitstunde zeigte Thomi mir, wie ich über den Sitz die Schiefe bearbeiten kann: Die Kappzaumzügel werden in der äußeren Hand geführt. Diese Hand geht bei jedem Schritt des Pferdes nach innen, der Oberkörper wird (ähnlich wie beim Schulterherein) gedreht. Die Hüfte und der innere Oberschenkel verstärken bei jedem Schritt die Rumpfrotation. Wenn das Pferd dabei nach innen läuft, treibt der innere Oberschenkel oder die Gerte nach außen. Bei Glæðir mus ich außerdem extrem drauf achten, dass der Hals nicht auf die hohle Seite "klappt". Der rechte Kappzaumzügel verhindert das durch eine Aufwärtsparade. Beim Übergang in die nächsthöhere Gangart sollte der Reiter mit den Sitzhilfen mitkommen können, d. h. sie werden anfangs sehr langsam geritten.

Die korrekte Biegung war dann das Thema der dritten Theoriestunde am Sonntagmorgen. Thomi wies auch nochmal auf den gravierendsten Fehler hin: das Abwenden am inneren Zügel. Hierdurch wird die Stellung zerstört und das Pferd fällt auf die äußere Schulter. Der innere Zügel sollte den Hals in dieser Ausbildungsstufe auch noch nicht berühren. Diese Hilfe hebt man sich für die traversalen Bewegungen (Kruppeherein) auf. Im Tölt begrenzt der äußere Zügel die Rumpfrotation nach außen und der innere Oberschenkel treibt vermehrt. Tölt über ein Abkippen im Becken oder gar Zurücklehnen sollte man vermeiden. Die Gefahr ist groß, dass das Pferd dann den Rücken wegdrückt. Außerdem braucht der Reiter den offenen Sitz, um dem Pferd später die Versammlung beizubringen (auch im Trab). Der Tölt soll am Anfang möglichst tief geritten werden, da das Pferd nur dann über den Rücken gehen kann und die Hinterbeine unter den Schwerpunkt treten können. Wenn das Pferd dabei in den Trab fällt, wird das am Anfang zugelassen und später über den äußeren Kappzaumzügel korrigiert.

Alle Pferde liefen durch Thomis Hinweise zunehmend entspannt, ließen den Hals fallen und schnaubten ab. Auch der Tölt wurde über den Kappzaum vorwärts-abwärts geritten. Insgesamt hat mir dieser Kurs vom Verständnis über das Geraderichten und den Tölt sehr viel gebracht. Ich weiß jetzt, dass ich Glæðirs Schiefe erst im Schritt und im Tölt in den Griff kriegen muss, bevor ich an Versammlung oder korrekten Trab denken kann. Auch Ansätze, wie ich das Problem angehen kann, habe ich von Thomi erhalten. Inwieweit ich das auch umsetzen kann, ist natürlich eine andere Sache - Reitkunst ist nun mal nicht einfach. 

Man benötigt jedoch schon ein sehr fundiertes Wissen über Biomechanik und Reitkunst, um Thomis Erklärungen zu verstehen. Sein Buch sollte man vorher gelesen haben. Für Einsteiger in die Reitkunst sind seine Kurse meiner Einschätzung nach weniger geeignet. 

(Text: Anja, Fotos: Bärbel)