Reitkunst für

Islandpferde

Stufe 4: Kruppeherein

stufe4

Beherrscht das Pferd Schulterherein an der Bande, kann man übergehen zum Kruppeherein (Travers). Insbesondere bei Pferden, die ständig Richtung Schulterherein laufen, ist es nötig das Kruppeherein vor dem Geraderichten zu üben. Die anderen Pferde werden zuerst über das Schulterherein geradegerichtet, bevor man zum Kruppeherein übergeht.

Im Kruppeherein ist es der äußere Hinterfuß, der nach innen unter die Masse tritt. Der innere Hinterfuß darf jedoch nicht nach innen heraustreten, sonst ist die Übung wirkungslos, da das innere Hinterbein nicht trägt sondern weiterhin schiebt. Dies passiert vor allem auf der hohlen Seite, wo dem Pferd diese Übung leichter fällt. Das korrekte Kruppeherein bewirkt, dass das Pferd die gesamte Vorhand hebt (und nicht nur die äußere Schulter wie im Schulterherein). Es ist daher eine sehr gute Vorbereitung für die relative Aufrichtung und Versammlung.

Von hinten erkennt man, dass das äußere Hinterbein in die Spur des inneren Vorderbeins tritt und das innere Hinterbein trotzdem unter den Schwerpunkt gesetzt wird. Das Kruppeherein fördert einen guten Galopp, da das äußere Hinterbein zum Tragen unter die Masse kommt. Genau das gleiche passiert beim Angaloppieren. Daher wird das Kruppeherein teilweise auch als "Galoppstellung" bezeichnet.

Etwas schwieriger ist es, das Kruppeherein mit der Kruppe zur Bande durchzuführen, also im Renvers. Das Pferd hat dann noch weniger Führung durch die Wand. Aus dem Travers lässt sich die Traversale entwickeln. Hier ist das Pferd in Bewegungsrichtung gebogen und läuft auf einer Diagonale im Kruppeherein.

touchieren gjafar

Durch Touchieren lernt Gjafar, mit der Kruppe zu reagieren (Unterricht mit Susanne Waltersbacher)

 

kruppeherein

Später reicht das Zeigen mit der Gerte: Das äußere Hinterbein tritt in die Spur des inneren Vorderbeins

 kruppeherein 2015

Kruppeherein mit mehr Abstellung: Weniger ist oft mehr!

Bei sehr beweglichen Pferden muss man aufpassen, dass das Pferd die Kruppe nicht zu stark hereinstellt und im Rumpf gerade beibt. Man erkennt das am schrägen Abfußen und Aufsetzen des äußeren Hinterbeins (siehe Foto oben). Auch in der Halswirkbelsäule kann ein fehlerhaftes Abknicken stattfinden. Der Biegungsgrad der relativ unbeweglichen Brustwirbelsäule gibt den Grad der Biegung vor! In den Seitengängen findet eine Dehnung der äußerden Körperseiten statt, kein starkes Seitwärts bzw. Kreuzen der Beine. Die Hufe sollten immer plan aufsesetzt werden und die Zehe nach vorne zeigen!

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Dehnung der äußeren Rumpfseite im Renvers

Fragen & Antworten

Kruppeherein auf drei oder vier Hufschlägen

Frage von Anja:

Ich nutze die restlichen Ferientage, um das Buch von Stodulka „Vom Reiten zur Reitkunst“ zu lesen. Dabei bin ich über eine Unklarheit beim Kruppeherein gestolpert und wollte dich nach deiner Meinung fragen. Stodulka schreibt, dass das Travers auf vier Huflinien geritten wird. Das äußere Hinterbein wird dadurch zur Lastaufnahme aktiviert und die innere Schulter wird frei. Er schreibt aber im letzten Abschnitt auch, dass "der innere Hinterfuß vom Pferd weggeführt wird, um sich daraufhin neben dem Pferd wieder zu positionieren.“ Das erscheint mir als Widerspruch zu Bent. Er sagt ja in seinem Online Reitkurs, dass das innere Hinterbein a) nicht seitlich unter der Masse raustreten darf und b) nicht kürzer treten darf als das äußere Hinterbein. 

Wenn man sich das Bild von Stodulka vom Kruppeherein auf 4 Hufschlägen anschaut, würde ich Stodulka zustimmen. Das innere Hinterbein MUSS entweder seitlich oder kürzer treten. Anders geht das doch gar nicht, oder? In Bents Online-Filmen sieht es von hinten so aus, als ob der innere Hinterfuß schon seitlich tritt, aber nicht über die senkrechte Linie von der Kruppe zum Boden hinaus. Von der Seite aus sieht es für mich so aus, dass der innere Hinterfuß kürzer tritt als der äußere. Aber das soll ja laut Bent nicht so sein.

Bei Glaedir habe ich ja genau dieses Problem, dass er nach innen raustritt. In letzter Zeit habe ich das Kruppeherein daher vermieden oder nur mit extrem wenig Abstellung geübt. Kann es aber sein, dass ein Vorbeitreten gar nicht so schlimm ist (v. a., wenn ich nicht draufsitze)? Das äußere Hinterbein kriege ich dadurch ja schon mehr unter den Schwerpunkt. Würde mich sehr interessieren, was du dazu meinst!

Antwort von Susanne Waltersbacher (Reitkunst Südwest)

Entschuldige, dass ich jetzt erst deine Frage beantworte, bzw. eine Antwort versuche. Das Thema ist schon sehr komplex und das Wissen von Stodulka immens. Da wir allerdings, akademisch geschult, nicht alles einfach so glauben, finde ich so eine Diskussion hoch interessant. 

Die Abstellung auf dem Foto finde ich zu stark. Hier kommt es tatsächlich auch zu einem Schränken der Vorderbeine, was meines Erachtens für spezielle Fälle wie Pirouette oder Traversalen reserviert sein sollte. Aber bei einem hoch begabten Pferd mit sehr guter Gymnastizierung ist das wohl auch auf der Geraden sinnvoll möglich. 

Bent spricht allerdings die „Hottis hinterm Haus“an. Für diese setzt er zwei Punkte fest:

  1. Auch wenn hauptsächlich  der äußere Hinterfuß Richtung Schwerpunkt gearbeitet werden soll, dann soll der innere Hinterfuß zumindest unter die Masse treten.
  2. Die innere Hüfte soll so weit vorgelagert sein, dass die Zehen des Pferdes in Bewegungsrichtung zeigen (Huf wird plan aufgesetzt, Fessel dreht nicht).

In diesen zwei Punkten sind die Elemente festgehalten, die ein Kruppeherein gesund sein lassen.

Die von Stodulka genannten Punkte setzen den Maßstab sehr hoch. Nicht jedes Reiter/Pferd-Paar kann dies erreichen. Bei dem Versuch, dieses perfekte Kruppeherein zu erreichen kann es dann leicht zu „Übertraining“ und daraus resultierenden Verletzungen kommen.

Ich finde deine Vorgehensweise sehr gut. Lieber etwas weniger Abstellung und beide Hinterbeine am Arbeiten, als zu viel und dann riskieren, dass sich das innere verabschiedet und das äußere überlastet wird.

Bent sagte mal, dass man mit dem Schulterherein beginnt, das innere Hinterbein zu schulen und mit dem Kruppeherein das äußere dazu holt, damit beide Hinterbeine Last aufnehmen. Man sollte mit dem Kruppeherein nicht nur das äußere Hinterbein arbeiten.

Den Schrittlängenvergleich finde ich schwierig. Dazu müsste man von der jeweiligen Hüftposition aus messen. Da sich das Pferd aber in Bewegung befindet, hat man dazu kaum Anhaltspunkte. Vielleicht bei Kruppeherein auf dem Laufband? Mit zeitgleichen Fotos von oben und von der Seite? Ich weiß nicht, ob das schon mal gemacht wurde.

Aber interessant ist die Überlegung allemal. Lass uns da dran bleiben. Wir könnten uns ein Modell ausdenken, mit dem sich das nachstellen ließe …

 

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(Text und Zeichnung: Anja, Fotos: Mara, Anja)